Die Begriffe geordnet
In Österreich gibt es keine echte Sammelklage im Sinne einer US-amerikanischen Class Action. Was in der Praxis und in der Presseberichterstattung als “Sammelaktion” oder “Sammelklage” bezeichnet wird, ist regelmäßig eine bündelnde anwaltliche Verfahrensführung. Mehrere Spielerinnen und Spieler beauftragen dieselbe Kanzlei, jeder mit seinem eigenen Anspruch. Die Kanzlei führt die Verfahren parallel und prozessökonomisch, kann aber Anträge, Schriftsätze und Beweisanträge zentral steuern.
Eine “Einzelklage” ist die klassische zivilprozessuale Klage einer Spielerin oder eines Spielers gegen den Casino-Betreiber. Sie unterscheidet sich von der Sammelaktion nicht in der rechtlichen Konstruktion, sondern in der wirtschaftlichen und organisatorischen Begleitung.
Daneben existieren Mischformen. “Beitritts-Aktionen”, bei denen Spieler ihre Forderungen an eine Prozessfinanzierungs-Gesellschaft abtreten, die dann im eigenen Namen klagt, sind im österreichischen Markt etabliert. Aus rechtlicher Sicht handelt es sich dann nicht mehr um eine Klage des Spielers, sondern um eine Klage der Finanzierungsgesellschaft. Diese Konstruktion ist mit dem Modell der Sofortentschädigungs-Anbieter verwandt, aber nicht identisch. Mehr dazu in unserem Beitrag zu Sofortentschädigungs-Angeboten.
Der typische Ablauf einer Casino-Rückforderung
Unabhängig davon, ob Einzelklage oder Sammelaktion, verläuft das Verfahren in mehreren Schritten, die sich in der Praxis ähneln.
Schritt 1, Erstgespräch und Aktenlage
Im ersten Schritt prüft die Anwaltskanzlei den Sachverhalt anhand der Unterlagen, die der Spieler mitbringt. Üblich sind Casino-Auszüge über die getätigten Einzahlungen und Auszahlungen, Bankkontoauszüge oder Kreditkartenabrechnungen, Screenshots aus dem Spielerkonto, gegebenenfalls Korrespondenz mit dem Casino. Aus diesen Unterlagen ergibt sich der Saldo, also der Netto-Verlust über den gesamten Zeitraum.
Die Kanzlei beurteilt in diesem Schritt die wesentlichen Voraussetzungen. Liegt eine österreichische Konzession des Anbieters vor? In den meisten Fällen lautet die Antwort Nein. Ist das Angebot auf den österreichischen Markt ausgerichtet? Bei deutschsprachigen Plattformen mit österreichischen Zahlungsmethoden ist das praktisch immer der Fall. Ist die Forderung noch nicht verjährt? Hier hängt die Antwort vom Zeitpunkt der Spielaktivität und vom Zeitpunkt der Kenntnis vom Rechtsgrund ab.
Schritt 2, Honorar- und Risikoklärung
Vor der Mandatsannahme muss die Kanzlei die wirtschaftliche Seite klären. Anwaltshonorar nach RATG oder Pauschalvereinbarung, Gerichtsgebühren, Sachverständigenkosten, Risiko der Prozesskosten im Falle des Unterliegens. In vielen Casino-Verfahren wird das Prozesskostenrisiko entweder durch eine Rechtsschutzversicherung gedeckt oder über eine Prozessfinanzierungs-Gesellschaft auf einen Dritten übertragen, der im Gegenzug eine Erfolgsbeteiligung erhält. Sie müssen sich um die Suche nach einem passenden Prozessfinanzierer nicht selbst kümmern. Dr. Peschel arrangiert das auf Wunsch direkt mit dem für Ihren Fall geeigneten Finanzierer, sodass Sie kein eigenes Prozesskostenrisiko tragen.
In Sammelaktionen ist das wirtschaftliche Modell oft standardisiert. Die Beteiligten zahlen einen Beitritts-Beitrag oder treten anteilig Forderungen an die Finanzierungsgesellschaft ab. Im Erfolgsfall fließt ein vorab definierter Anteil des Rückforderungsbetrags an den Spieler, der Rest an Kanzlei und Finanzierer. Die Konditionen sind im Einzelnen zu vergleichen.
Schritt 3, Klagseinbringung und Verfahrensgang
Die Klage wird beim zuständigen österreichischen Gericht eingebracht. Für Spielerinnen und Spieler als Verbraucher ist regelmäßig der österreichische Verbrauchergerichtsstand am Wohnsitz gegeben. Diese Frage ist durch Judikatur des EuGH und der österreichischen Höchstgerichte geklärt und im Detail in der Dissertation zum Europäischen Verbrauchergerichtsstand von Dr. Oliver Peschel aufgearbeitet.
Das beklagte Casino antwortet typischerweise mit einer Klagebeantwortung, in der die Zuständigkeit des österreichischen Gerichts, die Anwendbarkeit österreichischen Rechts und die Wirksamkeit der eigenen Lizenz argumentiert werden. Diese Einwände sind aus der OGH-Linie heraus gut zu entkräften, erfordern aber sauber aufbereitete Schriftsätze.
In der Folge findet eine vorbereitende Tagsatzung statt, gegebenenfalls eine Beweisaufnahme zu Einzahlungen, Spielverhalten oder zur Marktausrichtung des Casinos. In vielen Verfahren wird das Casino spätestens in dieser Phase einen Vergleichsvorschlag unterbreiten. Die Annahme oder Ablehnung des Vergleichs ist eine Strategie-Entscheidung des Spielers, die mit der Kanzlei zu treffen ist.
Schritt 4, Urteil und Vollstreckung
Wird kein Vergleich erzielt, geht das Verfahren in das Endurteil. Bei stattgebendem Urteil ist die Vollstreckung der nächste Schritt. Innerhalb der EU funktioniert sie über die EuGVVO regelmäßig gut. Außerhalb der EU, etwa bei Curacao-Lizenznehmern, ist sie aufwendiger. Die Geschäftsführerhaftung kann hier als zusätzlicher Hebel relevant werden, dazu mehr in unserem Beitrag zur Geschäftsführerhaftung.
Schritt 5, Auszahlung an den Spieler
Im Erfolgsfall fließt der zugesprochene Betrag an den Spieler, abzüglich der vereinbarten Anwaltskosten und gegebenenfalls des Anteils der Prozessfinanzierungs-Gesellschaft. Bei einer reinen Einzelklage ohne Drittfinanzierung bleibt der nominelle Betrag abzüglich Anwaltshonorar beim Spieler. Bei Prozessfinanzierungs-Modellen ist die Auszahlungsquote vorab vertraglich definiert.
Wann sich welche Form anbietet
Einzelklage. Einzelklagen sind mit einem hohen Prozesskostenrisiko und mit hohen Vorauskosten verbunden. Besonders bei Casino-Verfahren empfiehlt es sich, nicht noch weitere Verluste zu erleiden und die Verfahren daher über einen Prozessfinanzierer zu führen, womit das Kostenrisiko entfällt. Der Heute-Bericht vom 20.06.2025 illustriert einen Fall mit rund 500.000 Euro Spielverlust, der über eine Einzelklage mit unserer Kanzlei zurückgeholt wurde.
Sammelaktion oder Bündelung. Bei Verlusten bei mehreren Casinos kann die Bündelung aller Verfahren über eine Kanzlei wirtschaftlich sinnvoll sein. Auch wer das individuelle Prozessrisiko und den Aufwand begrenzen möchte, findet in einer Sammelaktion mit Drittfinanzierung oft eine geeignete Form. Die ORF-ZIB1-Berichterstattung vom 02.11.2023 sowie die ECO-Spezial-Sendung desselben Tages haben die Zunahme solcher Verfahren in Österreich dokumentiert.
Drittabtretungs-Modelle. Wer keinen eigenen Aufwand und kein Prozessrisiko mehr tragen will, kann seine Forderung an eine spezialisierte Gesellschaft abtreten. Wirtschaftlich entspricht das in der Konstruktion den Sofortentschädigungs-Modellen, mit dem Unterschied, dass die ausbezahlte Quote von der konkreten Vertragsgestaltung abhängt. Die Forderung verlässt in dieser Variante endgültig die Hand des Spielers. Wir raten von diesen Modellen ab und empfehlen, eine reine Prozesskostenfinanzierung in Anspruch zu nehmen. Gerne beraten wir Sie im Einzelfall. Mehr zur Bewertung im Beitrag zu Sofortentschädigungs-Angeboten.
Was die Berichterstattung über Sammelaktionen verdeutlicht hat
Die österreichische Berichterstattung zum Thema Sammelaktionen gegen Online-Casinos hat in den letzten Jahren mehrere prägnante Wellen erlebt. Bereits 2019 berichteten Kurier und ORF über eine erste größere Sammelaktion gegen Online-Casino-Anbieter. Im Casino-Komplex Pokerstars 2022 wurde die Linie fortgesetzt. Die ZIB1-Coverage vom 02.11.2023 zeigte den Anstieg der eingebrachten Klagen.
Diese Berichterstattung dokumentiert vor allem zwei Dinge. Erstens, dass die Sammelaktion im Casino-Bereich ein etabliertes Verfahrensmodell ist und nicht eine außergewöhnliche Konstruktion. Zweitens, dass die Wahl der konkreten Kanzlei nicht primär nach Marketingauftritten erfolgen sollte, sondern nach dem konkreten Honorar- und Konditionenmodell sowie nach der Erfahrung im Casino-Segment.
Häufige Fragen
Wie lange dauert ein Casino-Verfahren in Österreich? In einfachen Konstellationen mit kooperierendem Gegner einige Monate, in komplexen oder von der Gegenseite konsequent durchgekämpften Konstellationen ein bis zwei Jahre, in Einzelfällen länger.
Was kostet eine Einzelklage in der Praxis? Die Antwort hängt von Klagsumme, Aktenumfang und Honorarmodell ab. Eine pauschale Aussage ist nicht seriös. Um das Risiko zu minimieren, empfehlen wir eine Prozessfinanzierung zu wählen.
Was passiert, wenn ich verliere? Im österreichischen Zivilprozess trägt die unterliegende Partei grundsätzlich auch die Kosten der Gegenseite. Ohne Rechtsschutzversicherung oder Prozessfinanzierung kann dieses Risiko erheblich sein. Eine ehrliche Risikoabwägung gehört zu jedem Erstgespräch.
Kann ich eine Sammelaktion verlassen, wenn ich es mir anders überlege? Das hängt von der konkreten Vertragsgestaltung ab. In reinen Bündelungs-Mandaten ist die Mandatskündigung wie bei jeder anwaltlichen Vertretung möglich. Bei Abtretungs-Modellen ist eine Rücknahme nach Abtretung in der Regel nicht ohne weiteres möglich.
Bietet Ihre Kanzlei Sammelaktionen an? Wir prüfen jeden Fall individuell. Je nach Sachverhalt, Verlusthöhe und Risikoprofil schlagen wir eine geeignete Vorgehensweise vor. Eine erste Einschätzung erhalten Sie über das Kontaktformular.