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Polymarket, Kalshi und Co.: Wie Prognosemärkte aus österreichischer Sicht zu beurteilen sind

Auf Plattformen wie Polymarket und Kalshi kann auf nahezu alles gewettet werden, vom Ausgang einer Wahl bis zur Außentemperatur am Stichtag. Die Betreiber argumentieren, kein Glücksspiel, sondern Finanzinstrumente anzubieten. Aus österreichischer Sicht ist diese Konstruktion mit Vorsicht zu betrachten. Bei einem erheblichen Teil der Wetten überwiegt der Zufall, womit eine Einordnung als unlizenziertes Glücksspiel naheliegt. Für Spielerinnen und Spieler ergeben sich daraus Rückforderungsperspektiven, ohne dass die Teilnahme strafbar wäre.

Rechtsanwalt Dr. Oliver Peschel
Newsroom mit Bildschirmwand, die Wahlergebnisse und Wettquoten zur britischen Unterhauswahl 2024 anzeigt, eine Person steht davor

Was Prognosemärkte sind

Prognosemärkte oder Prediction Markets sind Plattformen, auf denen Wetten auf den Eintritt zukünftiger Ereignisse abgeschlossen werden. Das Spektrum reicht von politischen Ereignissen wie Wahlausgängen oder geopolitischen Eskalationen über sportliche Ergebnisse bis zu sehr speziellen Fragestellungen, etwa der konkreten Außentemperatur an einem bestimmten Tag oder der Zahl der Tornado-Meldungen in einem Monat. Gehandelt werden meist Ja-Nein-Verträge. Der Preis eines Vertrags spiegelt die vom Markt geschätzte Eintrittswahrscheinlichkeit wider. Tritt das Ereignis ein, erhält die Inhaberin eines Ja-Vertrags einen Dollar je Kontrakt. Tritt es nicht ein, ist der Einsatz verloren.

Die beiden marktdominierenden Plattformen sind Kalshi und Polymarket. Kalshi hält den überwiegenden Anteil am US-amerikanischen Prognosemarkt und ist als Futures-Plattform unter Aufsicht der Commodity Futures Trading Commission lizenziert. Polymarket arbeitet überwiegend in Krypto-Token und ist in den USA für US-Bürgerinnen und Bürger gesperrt. Die Wachstumszahlen sind bemerkenswert. Branchenangaben sprechen von einem Wettvolumen in zweistelliger Milliardenhöhe pro Jahr und einem Monatsanstieg im einstelligen Prozentbereich.

Glücksspiel oder Finanzinstrument

Die Betreiber argumentieren, kein Glücksspiel anzubieten. Kalshi versteht die Verträge als Termingeschäfte zur Absicherung von Unsicherheiten, vergleichbar mit klassischen Futures auf Rohstoffe oder Währungen. Außerdem spielen die Nutzerinnen und Nutzer nach dieser Lesart nicht gegen das Haus, sondern gegeneinander. Die Plattform behält lediglich eine Gebühr pro Vertrag ein.

Aus österreichischer Sicht ist diese Argumentation nicht durchgängig tragfähig. Das österreichische Glücksspielgesetz knüpft den Glücksspielbegriff an die Voraussetzung, dass die Entscheidung über das Spielergebnis ausschließlich oder vorwiegend vom Zufall abhängt. Bei einer Reihe von typischen Prognosemarkt-Wetten ist genau das der Fall. Wer auf die Außentemperatur an einem konkreten Tag oder auf die Zahl der Tornados in einem Monat wettet, hat in aller Regel keinen Wissensvorsprung, der den Zufall in den Hintergrund drängt. Bei einer Gesellschaftswette im rechtstechnischen Sinn spielen Geschick und Wissen eine maßgebliche Rolle, sodass sich Wettteilnehmerinnen und Wettteilnehmer einen Vorteil verschaffen können. Diese Voraussetzung ist bei vielen Prognosemarkt-Wetten nicht gegeben.

Hinzu kommt die Marktrealität. Nach Angaben aus dem Umfeld der Plattformen sind 80 bis 90 Prozent aller Verträge auf Kalshi Sportwetten. Sportwetten unterliegen in Österreich nicht dem Glücksspielgesetz, sondern den Landeswettengesetzen. Für reine Sportwetten-Verluste folgt die Rückforderung einer eigenen Argumentationslinie über die partielle Geschäftsunfähigkeit zum Wettzeitpunkt (§ 865 ABGB), regelmäßig nachzuweisen durch medizinisches Sachverständigengutachten.

Die österreichische Einordnung

Weder Kalshi noch Polymarket verfügen über eine österreichische Konzession nach dem Glücksspielgesetz oder eine Wettlizenz nach einem Landeswettengesetz. Mit Spielerinnen und Spielern in Österreich kommen daher Verträge zustande, deren zivilrechtliche Wirksamkeit nach der ständigen Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs in Frage steht. Die Argumentationslinie, die der Oberste Gerichtshof in OGH 6 Ob 31/24p und einer Reihe weiterer Entscheidungen zur Rückforderung von Casino-Verlusten entwickelt hat, kann nach unserer Einschätzung auch für Wetten mit überwiegend zufallsabhängigem Ergebnis fruchtbar gemacht werden. Wer in Österreich auf einer Plattform ohne erforderliche Konzession Einsätze geleistet hat, kann eine Rückforderung auf Grundlage des Bereicherungsrechts prüfen lassen. Die Erfolgsaussichten sind im Einzelfall zu beurteilen, eine höchstgerichtliche Entscheidung speziell zu Prognosemärkten liegt noch nicht vor.

Bei reinen Sportwetten gilt eine eigenständige Rückforderungslinie über die partielle Geschäftsunfähigkeit nach § 865 ABGB. Beweismittel ist regelmäßig ein medizinisches Sachverständigengutachten. Wegen der Kosten für Gutachten, Mehrinstanz-Verfahren und Auslandsexekution wird die Klage im Regelfall erst ab einer Verlusthöhe von etwa 50.000 Euro wirtschaftlich sinnvoll. Mehr zur Abgrenzung Casino versus Sportwette enthält der FAQ-Bereich zu Sportwetten.

Was Spielerinnen und Spielern in Österreich droht

Die Teilnahme an unlizenziertem Glücksspiel ist in Österreich für Privatpersonen nicht strafbar. Die Verwaltungsstraftatbestände des Glücksspielgesetzes richten sich primär gegen die Betreiberinnen und Vermittlerinnen, nicht gegen die Spielenden. Wer also über Polymarket, Kalshi oder eine vergleichbare Plattform auf den Ausgang einer Wahl, eines Sportereignisses oder einer Naturentwicklung gewettet hat, hat aus österreichischer Sicht keine strafrechtlichen oder verwaltungsstrafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten.

Die zivilrechtliche Seite ist davon getrennt zu betrachten. Verluste auf einer in Österreich nicht konzessionierten Plattform sind nicht verloren, sondern grundsätzlich kondizierbar. Welche Plattform unter welchen Voraussetzungen in welcher Höhe in Anspruch genommen werden kann, hängt vom konkreten Vertragspartner, vom Sitzland und von der Beweislage ab. Eine Klage gegen eine in den USA, in Curaçao oder in einem anderen Drittstaat ansässige Gesellschaft ist materiell-rechtlich nach österreichischem Recht zu führen. Die Durchsetzbarkeit eines erstrittenen Urteils stellt sich nach den allgemeinen Regeln über die Anerkennung und Vollstreckung ausländischer Entscheidungen und ist im Einzelfall zu prüfen.

Suchtpotenzial und Jugendschutz

Die niedrigen Einstiegseinsätze und die spielerische Aufbereitung der Plattformen erzeugen ein erhebliches Suchtpotenzial. Aus aktuellen Studien aus den Vereinigten Staaten ergibt sich, dass ein erheblicher Anteil junger Menschen bereits Glücksspielaktivitäten ausübt. Die Plattformen verlangen zwar einen Ausweis bei der Profilerstellung, eine Garantie gegen Umgehungen ist das nicht. Der österreichische Gesetzgeber bereitet aktuell eine Reform des Glücksspielgesetzes vor. Ob die Entwicklungen auf Prognosemärkten dort bereits abgebildet werden, ist offen.

Was Betroffene jetzt tun sollten

Wer auf einer Prognosemarkt-Plattform Verluste erlitten hat, sollte die getätigten Einsätze und die zugehörigen Zahlungsbewegungen sichern. Aussagekräftig sind Kontoauszüge, Wallet-Historien bei Krypto-Wetten, Screenshots der Plattform-Historie und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zum Registrierungszeitpunkt. Auf dieser Basis ist eine individuelle Einschätzung möglich, ob und in welchem Umfang sich eine Rückforderung wirtschaftlich anbietet. Die Kanzlei prüft Mandate im Einzelfall und stellt auf Wunsch den Kontakt zu Prozessfinanzierern her, sodass Sie sich nicht selbst um die Finanzierung kümmern müssen.

Häufige Fragen

Allgemeine Fragen zu Konzession, Verfahren und Verjährung beantwortet der FAQ und die Service-Seite Rückforderung. Für die Abgrenzung zu Sportwetten enthält der FAQ-Bereich einen eigenen Cluster.